Mit spitzer Feder …

«Ein Umzug ist halbes Sterben» – mit diesem Spruch hat der deutsche Politiker und Staatsmann Otto von Bismarck nicht ganz unrecht. Allerdings musste er seine Umzugskisten sicherlich nicht selbst schleppen, denn dafür hatte er ja Bedienstete. Heutzutage erledigt das eine Umzugsspedition. Oder die kostengünstigere Variante: Freunde. Wie viele wahre Freunde man hat, zeigt sich spätestens beim Umzug. Denn man muss denjenigen, die bei einem Umzug freiwillig mit anpacken, wirklich einiges bedeuten, weil ein Umzug einfach anstrengend ist. In erster Linie ist es ein körperlicher Kraftakt. jedoch auch eine psychische Herausforderung, denn meistens beginnt mit einem Umzug ein neuer Lebensabschnitt. Für die meisten Menschen ist es ein Graus, umzuziehen. Doch es soll wohl Menschen geben und gegeben haben, die gerne umziehen – wie Ludwig van Beethoven. Ungefähr siebzig Mal soll er seine Wohnungen gewechselt haben. Dass er so oft umgezogen ist, kann damit zusammenhängen, dass er häufig einen Tapetenwechsel nötig hatte. Vielleicht wurde er durch ein ständig wechselndes Umfeld auch inspiriert. Ein Umzug ist also vielleicht doch nicht immer halbes Sterben…
Es gibt aber auch (unverhoffte) Umzüge im übertragenen Sinn im Leben – sie pflastern so quasi unseren Lebensweg. Oftmals haben wir keinen grossen Einfluss darauf. Solche «Umzüge im Leben» stehen für veränderte Lebensphasen und Neuanfänge – sie können bedeuten, alte Gewohnheiten und Denkmuster loszulasse und stehen für Herausforderungen, wie Unsicherheit, aber auch für neue Chancen für Wachstum und eine verbesserte Lebensqualität und neue Erfahrungen. Mein grösster solcher «Umzug» in meinem bisherigen Leben war der kürzliche Tod meines Vaters. Das Gefühl des Verlustes entwickelte sich in einem schmerzvollen, aber lehrreichen Prozess zu persönlichem Wachstum und einer stärkeren Resilienz. Allmählich gewöhnte ich mich an die neue Situation. Es entstand zuerst eine Leere und eine Lücke – es gab keine Besuche mehr von Vater im Pflegeheim, ich musste an nichts mehr denken wie an neue Kleider, Geschenke, Korrespondenzen, etc. Es gab plötzlich sehr viel freie Zeit – Zeit, die ich für mich persönlich nutzen durfte, für meine Bedürfnisse und Freuden. Das war ich mich nicht gewohnt, war ich doch neben dem Arbeiten immer für ihn dagewesen und hatte ich doch jahrelang immer zu wenig Zeit für mich.
Und jetzt bekam ich plötzlich das Privileg, dieser geschenkten Zeit. Mein Körper, mein Gehirn, mein vegetatives Nervensystem mussten sich zu allererst daran gewöhnen. Dieses Gefühl der Freiheit, der Gelassenheit und der Ruhe waren anfangs noch mit dem Schmerz des Verlustes und der Trauer verknüpft, bis sie sich allmählich wie eine zarte Rosenknospe in ein wunderbares Lebensgefühl verwandelte. Ich wurde innerlich ruhiger, meine Organe begannen sich zu entspannen und meine Seele begann gleichmässig in völliger Harmonie mit Körper und Geist in der Frequenz 432 Hz zu schwingen. Entsprechend verändert sich meine Aura und mein Energiefeld. Ein Teil meines alten Ichs und meines bisherigen Seins mit all den alten Mustern und Verhaltensweisen war reif zu sterben. Geschichten meiner Biografie trugen keine Lebendigkeit mehr – sie durften gehen, damit ich meine wahre Kraft leben konnte und Platz für Neues hatte. Manchmal ist es Zeit, sich zu erlauben, sich von Altem zu trennen. Es ist wirklich wie beim Zügeln, wo man Altes aussortiert und die Gelegenheit nutzt, den Hausrat zu entrümpeln.
Danach galt es, die gewonnene Zeit zu füllen und sinnvoll zu nutzen. Meine Interessen sind breit gefächert und reichen von Museumsbesuchen, Kunst, Kultur, Lesungen, Literatur, Ballett, klassische Musik, Konzerten, Opernaufführungen, Fahrten auf den Dampfschiffen auf dem Vierwaldstättersee etc. Aber vor allem wollte ich meine Kreativität mit meinen Collagen voll ausleben und die Zeit mit ganz viel Liebe füllen. Und so flutete ich meine Situation, meine Beziehungen und mein ganzes Leben mit der Macht der Liebe. Es ist erstaunlich und beglückend, was daraus entsteht, sobald man die Leere mit Liebe füllt. In diesem Sinn – füllen wir auch das neue Jahr mit ganz viel Liebe!
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin





